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Die stillen Retter:innen – und was passiert, wenn sie aufhören zu retten

Wunderst du dich als Führungsperson, dass gewisse Aufgaben auf einmal nicht mehr wie von Zauberhand erledigt sind? Dass Dinge liegen bleiben und sich niemand mehr darum kümmert, dass Versäumnisse nicht mehr abgefangen und dadurch sichtbar werden? Dass bestimmte Teamkolleg:innen stiller geworden sind, den informellen Austausch im Team meiden, sich aus dem gemeinsamen Kaffee oder dem Pausengespräch zurückziehen?

Meistens fällt das erst auf, wenn es nicht mehr da ist. Solange es funktioniert, ist es unsichtbar.

Nehmen wir ein Beispiel aus meiner Praxis. In einem kleinen Team gab es zwei Personen mit hohem Pflichtbewusstsein und Qualitätsanspruch. Sie sehen Probleme früh, sprechen sie an, übernehmen Verantwortung auch dort, wo es eigentlich nicht ihre wäre – und retten so regelmässig Situationen, bevor sie eskalieren. Nennen wir sie die stillen Retter:innen.

Von aussen mag alles stabil aussehen. Termine werden eingehalten, Kund:innen zufriedengestellt, das Tagesgeschäft läuft. Was in dieser Wahrnehmung fehlte: der Preis, den die beiden dafür zahlen. Über Monate übernehmen sie stillschweigend, was eigentlich in der Verantwortung anderer liegt. Sie melden sich – werden aber immer wieder überhört oder als «zu kritisch» abgetan.

Die Scham kommt von zwei Seiten. Intern: Kolleg:innen aus anderen Abteilungen bemerken die Veränderung sehr wohl, sehen, dass es nicht rund läuft, und sprechen die beiden Retter:innen direkt darauf an – irgendwann fehlen die Worte, um Versäumnisse zu erklären, die nicht die eigenen sind. Nach aussen: Die Lücken werden auch nach aussen sichtbar, etwa in versäumten Antwortterminen, veralteten Informationen, für die eigentlich jemand anderes zuständig ist. Wer sich mit dem Unternehmen identifiziert, für das er oder sie arbeitet, erlebt genau diese sichtbaren Lücken als persönliche Angelegenheit – auch wenn die Verantwortung dafür klar woanders liegt.

Irgendwann wird aus Engagement Erschöpfung. Eine der beiden Personen stelle sich leise die Frage, ob sie überhaupt noch sagen kann, wo sie arbeitet.

Und dann, irgendwann, ist genau das spürbar, was am Anfang dieses Textes steht: Dinge laufen nicht mehr von selbst. Es wird still.

Ein bekanntes Muster

In der Prozessarbeit sagen wir: Jedes System hat Rollen, die es braucht, um zu funktionieren – unabhängig davon, wer sie gerade trägt. Menschen mit tiefem Rang, die nicht die lauteste Stimme im Raum haben, tragen oft ein Signal, das für das ganze System wichtig ist. Nur wird es selten gehört, solange alles «läuft».

Mit Rang ist hier nicht die Position im Organigramm gemeint, sondern etwas Feineres: u.a. welche soziale Identität hat eine Person, worin liegt ihre persönliche Kraft (u.a. psychologischer Rang) wie viel Gehör, Einfluss oder Selbstverständlichkeit jemand in einer Situation hat – unabhängig vom Titel. Eine Person kann formal hochrangig sein und trotzdem in einer bestimmten Situation kaum gehört werden. Und umgekehrt: Wer keine Führungsposition hat, kann durch Erfahrung, Verlässlichkeit oder stille Autorität viel tragen, ohne dass es je benannt wird.

Solange die stillen Retter:innen retten, gibt es für die Organisation keinen Grund, etwas zu verändern. Das Problem zeigt sich erst, wenn sie es nicht mehr tun – sei es durch Kündigung, durch Rückzug oder durch gesundheitlichen Ausfall. Dann oft mit voller Wucht.

Das Tückische daran: Diese Rolle wird selten bewusst wahrgenommen, weder von der Person selbst noch von der Führung. Die Retter:innen halten durch, weil sie sich mit der Sache identifizieren. Die Führung merkt nichts, weil ja «alles läuft».

Mit der Zeit passiert dabei noch etwas anderes, das oft übersehen wird: Die stillen Retter:innen verlieren das Vertrauen – ins Team, in die Führung, manchmal auch ins Ganze. Sie haben gelernt, dass Dinge nicht erledigt werden, wenn sie sie nicht selbst in die Hand nehmen. Also geben sie immer weniger ab, übernehmen immer mehr, aus einer Erfahrung heraus, nicht aus Kontrollzwang. Was von aussen wie Perfektionismus aussieht, ist oft die logische Folge von wiederholter Enttäuschung.

Die Fragen an dich als Führungskraft

Geschähe dies in deinem Team: Nimmst du es als Führungsperson wahr, dass hier etwas gerade sehr schief läuft?

Weisst du, wer in deinem Team diese stillen Retter:innen sind? Nicht die Lautesten, nicht die, die sich in Meetings profilieren – sondern die, die im Hintergrund dafür sorgen, dass nichts auffällt?

Eine Reflexionsfrage für dich, still für dich beantwortet: Wer in meinem Team spricht am wenigsten in Meetings – und wann habe ich diese Person das letzte Mal gezielt und unter vier Augen gefragt, wie sie die Situation erlebt? Nicht mit der Erwartung einer Antwort auf Knopfdruck, sondern mit echtem Interesse und der Bereitschaft, auch unbequeme Rückmeldungen auszuhalten.

Wie du eine Vertrauensbasis schaffst

Wenn du eine stille Retter:in identifiziert hast, sucht nicht das nächste Feedbackgespräch nach Schema F. Sucht einen Rahmen ausserhalb des Alltagsdrucks – ein Spaziergang, ein Kaffee, kein Termin mit Traktandenliste. Und stellt eine offene Frage, ohne Erwartung an eine bestimmte Antwort, sei neugierig: «Was siehst du in unserem Team, das ich vielleicht nicht sehe?»

Bedenke dabei: Das Vertrauen, das verloren gegangen ist, verschwindet nicht durch eine einzelne gute Geste. Es ist über Zeit entstanden – durch wiederholte Erfahrung, dass Abgeben nicht funktioniert – und es braucht ebenso viel Zeit, um sich wieder aufzubauen.

Entscheidend ist, was danach passiert: Wer einmal Kritik geäussert hat und dafür belächelt, ignoriert oder als «zu negativ» abgestempelt wird, öffnet sich kein zweites Mal. Vertrauen entsteht nicht durch die Frage, sondern durch das, was mit der Antwort geschieht. Es geht dabei nicht darum, sofort zu reagieren oder zu «lösen» – sondern zunächst nur zu empfangen und stehen zu lassen, was gesagt wird, ohne Verteidigung, ohne Rechtfertigung.

Die richtige Wortwahl

Der Rahmen allein reicht dabei nicht. Eine ehemalige Klientin erzählte mir von einem Vorgesetzten, der sie zu einem Spaziergang einlud, nachdem ihr Engagement spürbar nachgelassen hatte. Der Rahmen war goldrichtig: neutraler Boden, kein Sitzungszimmer, kein Traktandum. Seine Frage jedoch war: «Weshalb hat deine Leistung nachgelassen?» Für sie klang das wie ein Vorwurf – dabei hatte sie schlicht aufgehört, Aufgaben zu übernehmen, die nie ihre gewesen wären, und erledigte nur noch das, wofür sie eigentlich angestellt war. Die Formulierung löste Widerstand aus, wo eigentlich Raum für Offenheit entstehen sollte.

Der Unterschied liegt in der Blickrichtung der Frage: «Warum hast du nachgelassen?» sucht die Ursache bei der Person. «Was siehst du in unserem Team, das ich vielleicht nicht sehe?» sucht die Ursache im System – und lädt zum Erzählen ein, statt zur Rechtfertigung zu zwingen. Der Rahmen schafft die Gelegenheit. Die Formulierung entscheidet, ob sie genutzt wird.

Wenn es bereits zu spät sein könnte

Die Stille, das Zurückziehen, die liegen gebliebenen Details, von denen eingangs die Rede war – das sind keine Kleinigkeiten. Es sind Anzeichen, dass jemand innerlich bereits kurz vor der Resignation steht oder sich schon verabschiedet hat. Wer früher Probleme ansprach und plötzlich nichts mehr sagt, sendet ein stärkeres Signal als jemand, der von Anfang an schwieg. Wer nur noch exakt nach Vorgabe arbeitet, hat oft aufgehört mitzudenken – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Selbstschutz.

Ist dieser Punkt erreicht, reicht ein einzelnes Gespräch meist nicht mehr. Es braucht echtes, nachhaltiges Interesse über Zeit – nicht eine einmalige Geste, sondern wiederholte, verlässliche Signale, dass die Wahrnehmung dieser Person zählt. Manchmal ist es dafür bereits zu spät, und das ist auch eine Wahrheit, der sich Führung stellen muss.

Und die eigentlich entscheidende Frage

Was würde passieren, wenn deine stillen Retter:innen morgen nicht mehr wollten?

Wer diese Frage nicht beantworten kann, sollte sie sich stellen – bevor es zu spät ist.

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