Zeit gegen Geld: Wie wir aus dem Hamsterrad aussteigen – ohne alles über Bord zu werfen

Mach doch mal eine einfache Rechnung mit mir.

  • Dein Tag hat 24 Stunden
  • Davon verbringst du mind. 8,5 Stunden an der Arbeit
  • 90 Minuten für drei Mahlzeiten
  • Weitere je 30 Minuten Arbeitsweg hin und zurück
  • 6 bis 8 Stunden Schlaf

Es verbleiben dir noch 5 bis 7 Stunden. Für Familie. Für den Haushalt. Für Hobbys, Sport, Weiterbildung, Kreativität, Natur. Für das, was dich als Mensch ausmacht.

Fühlt sich knapp an, oder? Genau darum geht es in diesem Beitrag: nicht darum, dass du dir noch mehr aus diesen 5 bis 7 Stunden herausquetschen solltest – sondern darum, wie du aus diesem Hamsterrad teilweise aussteigst, ohne gleich alles an die Wand zu schmeissen.

Weniger schlafen ist keine Lösung

Der naheliegende Reflex: irgendwo Zeit rausschneiden. Schlaf bietet sich an, weil er „nur“ Regeneration ist, oder? Falsch. Wer sich zu wenig Ruhe gönnt, kann sich schlechter konzentrieren, wird reizbarer und empfindlicher – und damit weniger leistungsfähig. Du sparst vorne Zeit und verlierst sie hinten wieder, meist mit Zinsen.

Mahlzeiten streichen ist auch keine Lösung

Dasselbe gilt fürs Essen. Bekommt der Körper die Nährstoffe nicht, die er braucht, drosselt er seine Leistungsfähigkeit – Hirnleistung inklusive. Auch hier: keine Zeiteinsparung, sondern eine Verschiebung der Rechnung auf später.

Die unbequeme Wahrheit über die 8,5 Stunden

Und jetzt Hand aufs Herz: Wer von uns erbringt wirklich 8,5 Stunden volle Leistung? Die kurze Pause auf dem Gang, der Austausch mit Kolleg:innen, die Recherche für die nächsten Ferien zwischendurch, ein bisschen Online-Shopping, die frustrierenden News, die man doch noch liest. Wir sind keine Maschinen und schlicht nicht in der Lage, über 8,5 Stunden dauerhaft auf demselben Niveau zu funktionieren – weder körperlich noch geistig.

Unser klassisches Arbeitszeitmodell beruht also auf einem Trugschluss. Wir verkaufen nicht unsere Leistung. Wir verkaufen unsere Zeit gegen Geld.

Das ist zunächst nur eine Kritik an der Messgrösse: Zeit sagt wenig darüber aus, was wirklich geleistet wird. Der eine benötigt für dieselbe Aufgabe länger als die andere. Das ist OK. Ob daraus zwingend folgt, dass wir Arbeit stattdessen nach ihrem Wert bemessen sollten, ist ein zweiter, deutlich grösserer Schritt – und einer, der ein ganz anderes Fass aufmacht. Ich mache ihn trotzdem, weil er mich nicht loslässt.

Was, wenn wir nach Aufgaben gemessen würden – statt nach Zeit?

Stell dir vor, nicht die Anwesenheit würde zählen, sondern die Aufgabe selbst. Welchen Wert würden wir ihr dann beimessen? Wo setzen wir den Massstab an, ob eine Aufgabe schlecht, gut oder hervorragend erfüllt wird?

Wäre die Arbeit einer Strassenreinigerin plötzlich gleich viel wert wie die eines Anwalts? Immerhin dient ihre Arbeit der ganzen Gesellschaft – nicht nur einer einzelnen Person oder einem Unternehmen. Wer legt eigentlich fest, was wie viel wert ist? Wo? Und wie?

Ich habe darauf keine fertige Antwort, und ich misstraue jedem, der eine hätte. Heutige Löhne spiegeln ja nicht nur gesellschaftlichen Nutzen, sondern auch Ausbildungsdauer, Knappheit, Risiko, Verhandlungsmacht – eine jahrhundertealte Debatte zwischen „Wert durch Nutzen für alle“ und „Wert durch Markt und Knappheit“, die ich hier nicht auflösen kann und will. Ich stelle die Frage trotzdem, weil ich finde: Dass wir sie kaum noch stellen, ist Teil des Problems. Wie würdest du sie beantworten?

Ein Arbeitsmodell, das sich an Aufgaben und ihrem gesellschaftlichen Nutzen orientiert statt an Stunden, würde bedingen, dass die Rendite Einzelner oder weniger in den Hintergrund tritt. Nicht mehr „höher, weiter, mehr“, sondern Wertschätzung dort, wo dem Wohl aller – oder zumindest vieler – gedient wird. Der Mensch wäre nicht länger nur „Human Resource“, sondern Mensch. Und Wertschätzung für jede und jeden Einzelnen sorgt nachweislich für mehr psychische und physische Gesundheit. Kompensation durch Konsum würde sich reduzieren, weil wir uns erfüllt und anerkannt fühlen für das, was wir tun. Weniger Ressourcenverschwendung, weniger Ausbeutung unseres Planeten, weniger Müll usw. – als Nebeneffekt eines Systems, das anders wertschätzt.

Ein schönes Bild. Aber wie kommen wir dahin, ohne auf ein grosses Ganzes zu warten, das sich vielleicht nie ändert?

Der Blick aus der Prozessarbeit: sowohl als auch statt entweder oder

Hier lohnt sich ein Blick in die Prozessarbeit, die von Arnold Mindell entwickelte prozessorientierte Psychologie. Ihre Grundhaltung passt erstaunlich gut zu unserer Frage.

Polaritäten aushalten, statt sich zu entscheiden. In der Prozessarbeit gilt: Wo ein Pol stark auftritt, ist der Gegenpol nicht weit. Wer „Leistung, Erfolg, Sicherheit“ lebt, trägt meist auch eine Sehnsucht nach Musse, Sinn und Verbindung in sich – auch wenn sie gerade keinen Platz bekommt. Die Lösung liegt selten darin, einen Pol zu wählen und den anderen zu verdrängen (kündigen und aussteigen versus durchhalten und funktionieren). Sie liegt darin, beide Seiten bewusst zu integrieren. Nicht Kündigung oder Anpassung – sondern die Frage: Wie kann in meinem jetzigen Rahmen mehr von dem stattfinden, was mir fehlt? Und wo darf ich gleichzeitig Schritte in Richtung eines grösseren Wandels wagen?

An der Kante arbeiten. Mindell spricht von der „Edge“ – jener Grenze, an der wir spüren: Hier würde ich gerne weiter, aber irgendetwas hält mich zurück. Der goldene Käfig ist bequem. Er hat feste Wände, ein geregeltes Gehalt, Anerkennung von aussen. Aus der Prozessarbeit heraus geht es nicht darum, die Grenze mit Gewalt zu überschreiten, sondern sie zuerst wahrzunehmen und zu verstehen, was sie eigentlich schützt. Oft ist es Angst vor Statusverlust, vor dem Urteil anderer, vor dem eigenen Versagen. Erst wenn diese Angst benannt ist, wird ein Schritt über die Grenze möglich – klein, aber echt.

Alle Stimmen zählen – auch die innere Stimme, die „genug“ sagt. Das Konzept der Deep Democracy besagt: Jede Stimme in einem System, auch die leise, marginalisierte, hat eine Funktion und verdient Gehör. Übertragen auf uns selbst heisst das: Die Stimme in dir, die erschöpft ist, die nach Sinn fragt, die „genug“ sagt, ist nicht die schwache Stimme, die man zum Schweigen bringen sollte. Sie ist eine legitime Stimme im System „ich“, die genauso ernst genommen werden darf wie die Stimme, die pflichtbewusst funktioniert. Hier bringe ich meinen Klient:innen gerne den Vergleich mit einem Kind: Schenken wir ihm nicht unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, fordert es sie immer vehementer ein.

Eigenverantwortung als Ausgangspunkt

Ein solches System – ob im Kleinen im eigenen Alltag oder im Grossen gesellschaftlich – bedingt Eigenverantwortung von jeder und jedem Einzelnen. Und das ist unbequem. Nicht jede und jeder ist bereit, diese Verantwortung zu übernehmen und die Komfortzone zu verlassen. Der goldene Käfig hat eben seine Annehmlichkeiten. Und auch das ist OK.

Es braucht daneben einen Kultur- und Führungswechsel – politisch, gesellschaftlich, unternehmerisch. Die beiden Ebenen lassen sich nicht sauber trennen: Individuelle Veränderung allein macht noch keinen Systemwandel, und ein Systemwandel ohne individuelle Veränderung bleibt hohl. Wovon ich überzeugt bin: Er beginnt bei jedem Einzelnen von uns – in der Art, wie wir unsere eigene Zeit bewerten, wie wir mit unseren Grenzen umgehen, wie wir Arbeit, die eigene und die anderer, wertschätzen. Ob meine eine gesetzte Grenze je ein Parlament oder eine Chefetage erreicht, weiss ich nicht. Aber sie verändert etwas in mir – und das ist der Ort, an dem ich Einfluss habe.

Sowohl als auch, nicht entweder oder: Du musst nicht kündigen, um etwas zu verändern. Und du musst auch nicht alles hinnehmen, wie es ist. Zwischen diesen beiden Polen liegt ein weites Feld an kleinen, echten Schritten – ein Gespräch mit der Führung, eine bewusst gesetzte Grenze, eine neue Frage an die eigene Wertehierarchie, ein Innehalten an der eigenen Kante.

Seneca hat es so formuliert:

„Leben heisst, anderen nützlich zu sein.“

Vielleicht beginnt der Ausstieg aus dem Hamsterrad genau dort: nicht bei der Frage, wie wir mehr Zeit herausschlagen, sondern bei der Frage, wofür wir die Zeit, die wir haben, wirklich nützlich sein lassen wollen – für uns selbst und für andere.

Erkennst du dich und deine Gedanken in diesem Text wieder? Dann lass uns gemeinsam an der sowohl-als-auch-Lösung arbeiten und deine ganz persönlichen Grenzen dazu erforschen.

Teile diesen Beitrag:

Raum für Neues

Veränderungen sind Chancen. Wie du sie für dich nutzt und einiges mehr erfährst du in meinem Newsletter.

Die Datenschutzrichtlinien für den Newsletter findest du hier.

Weitere Blogartikel

  • Persönlichkeitsentwicklung, Prozessarbeit, Psychologie

    Wir alle kennen sie – diese unsichtbaren Allergien, die keinen Hautausschlag oder tränende Augen verursachen und dennoch tief unter die Haut gehen. Es sind diese Momente, in denen du plötzlich gereizt bist. Dein Körper spannt sich an, dein Herz schlägt schneller, du willst am liebsten flüchten oder jemanden anschreien. Vielleicht ist es ein bestimmtes Verhalten [...]

  • Kommunikation, Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie

    oder Wem sprechen wir eigentlich die Kompetenz ab? «Schuster, bleib bei deinen Leisten» – das ist so ein Spruch, den man gern hervorholt, wenn jemand etwas sagt oder tut, das nicht dem eigenen Bild dieser Person entspricht. Gemeint ist: «Das kannst du nicht. Das bist du nicht. Das solltest du lieber lassen.» Oft geschieht das [...]

  • Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie, Resilienz

    Zwischen Selbstzweifel und dem Mut, sich zumuten zu dürfen Hast du schon mal im Regen getanzt, bist durch Pfützen gesprungen oder einfach laut gejauchzt, weil du gerade eine wundervolle Nachricht erhalten hast? Wenn nicht, ist dir dieses innere Schwanken – soll ich oder soll ich nicht – bestimmt nicht unbekannt. An einem Tag fühlst du [...]